Integration auf Fränkisch

Mittwoch. 20. Dezember 2017 (Madelaine Ruska)
Mohamad Shahm Damlakhi auf dem Coburger Weihnachtsmarkt
Besuch auf dem Coburger Weihnachtsmarkt: Mohamad Shahm Damlakhi ist in Coburg angekommen. Foto: Sebastian Rüger

Er kam mit der Flüchtlingswelle vor zwei Jahren. Mohamad Shahm Damlakhi ist aus Syrien vor dem Militär geflüchtet. Jetzt studiert er Informatik in Coburg. Seine Geschichte zeigt, wie wichtig Bildung für die Integration ist.

Damit hatte Shahm nicht gerechnet. Monatelang hat er sich durch Deutschbücher gearbeitet, Grammatik und die richtige Aussprache gelernt, seine Sprachprüfung mit Auszeichnung bestanden. Und dann sprechen die Professoren in Coburg kein Hochdeutsch. „Wir brauchen keine Deutschkurse!“, sagt Shahm. „Wir brauchen Fränkischkurse!“ Seit zwei Jahren lebt der 20-Jährige in Deutschland. Über die westliche Balkanroute haben er und sein Vater die Bundesrepublik erreicht. In Passau wurden sie aufgegriffen.

Heute wohnt die ganze Familie in Lützelbuch. Der Asylantrag wurde bewilligt, der Antrag auf Familien-Zusammenführung ebenfalls. Die Damlakhis sind angekommen. Shahm studiert Informatik, seine Geschwister gehen in die Schule, die Eltern lernen Deutsch.

Mehr als 400.000 Asylanträge wurden 2016 in Deutschland bewilligt. Unter den Antragstellern bilden die 18 bis 25-Jährigen den größten Anteil. Wie Shahm fliehen die meisten jungen Syrer, weil sie mit 18 in die Armee einberufen werden würden. Die deutschen Hochschulen haben sich darauf eingestellt. Fast überall gibt es Programme, die Flüchtlinge auf ein Studium vorbereiten. Sie müssen aber nachweisen, dass sie dafür in ihrer Heimat entsprechend ausgebildet wurden.

„Shahm war ein Überflieger. Er hat alle Prüfungen sofort bestanden“, sagt Marion Hanf. Sie betreut die Flüchtlinge an der Hochschule, hilft bei den Formalitäten und vermittelt an die richtigen Stellen im Haus - aber auch darüber hinaus. Zum Beispiel zur Studienberatung, die bei der Wahl des richtigen Studiengangs berät. Oder zur Kontaktstelle Selbsthilfe der Stadt Coburg, welche die Kosten für die Einschreibung der Geflüchteten aus Spenden bezahlt. Die Situation in Coburg ist ideal. Die Gruppen sind überschaubar, Marion Hanf kennt die Geschichten jedes Einzelnen.

Die meisten Flüchtlinge besuchen erst den Vorbereitungskurs an der Hochschule Coburg, dann den DSH-Kurs am Studienkolleg. Wer die DSH, also die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang besteht, kann sich anschließend bundesweit an einer Hochschule oder Universität bewerben. Sieben Flüchtlinge haben im Sommer die Prüfung bestanden. Alle studieren mittlerweile, vier von ihnen in Coburg.

40.000 Flüchtlinge werden in den nächsten drei Jahren ein Studium aufnehmen. Das geht aus einer Studie des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft und der Unternehmensberatung McKinsey hervor. Es könnten noch mehr sein, wenn sie stärker gefördert würden. Dazu gehöre z.B. die Möglichkeit, fehlende Fach- und Sprachkompetenzen nachzuholen, sagt der Coburger Volkswirt Prof. Dr. Lutz Schneider. Er hat sich in den letzten Jahren intensiv damit beschäftigt, wie sich Zuwanderung auf den deutschen Arbeitsmarkt auswirkt. „Aus ökonomischer Sicht ist Zuwanderung notwendig“, sagt Schneider. 2050 werde es in Deutschland deutlich weniger Arbeitskräfte geben als heute. Eine Folge des demografischen Wandels. Ohne Migration würde das Angebot an Arbeitskräften um ein Drittel sinken. Flüchtlingen, die in Deutschland studieren, komme also eine wichtige Rolle zu. Je höher ihre Qualifikation, desto besser ist ihre Chance, hier Arbeit zu finden. Der Vorteil des Studiums in Deutschland: „Sie werden mit Sprache, Gesellschaft und Kultur des Landes vertraut und knüpfen Netzwerke, die beim Einstieg in den Arbeitsmarkt helfen.“

Shahm Damlakhi hat vor einem Jahr an einem Programm des Automobilzulieferers Brose teilgenommen. Seitdem jobbt er regelmäßig bei Brose. Das Informatik-Studium will Shahm unbedingt schaffen. Nach jeder Vorlesung wiederholt er den Stoff zu Hause. Auch eine Lerngruppe mit anderen Studenten hat er schon gefunden. Die können ihm vielleicht auch ein bisschen Fränkisch beibringen.

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