„Leben in unterschiedlichen Welten“

Mittwoch. 13. Dezember 2017 (Anke Hempfling)
Die Gesichter hinter dem "F.E.E.L.-Effect". Oben (v.l.n.r.): Katharina Waldinger, Henning Busch, Maximilian Behrens, Johannes Kobras. Unten (v.l.n.r.): Alexander Kreysig, Barbara Steidl, Laura Gali.
Beim Hilfsprojekt "Habibi.Works" wurde immer gemeinsam gekocht und gegessen. Katharina Waldinger und Johannes Kobras halfen auch in der Küche mit.
Die Gruppe, hier Maximilian Behrens, gab den Geflüchteten vor Ort auch Sprachunterricht.

Mehr als zwei Monate lang sind fünf Studierende aus Coburg und München die Balkanroute entlang gereist, um Flüchtlingen zu helfen. Im Interview berichten sie von ihren Erlebnissen.

Herr Kobras, wo war die Gruppe zuletzt unterwegs?

Johannes Kobras: Bevor wir zurück nach Deutschland kamen, waren wir drei Tage in Serbien. Dort haben wir ein Projekt unterstützt, das Duschen und Trinkwasser für Geflüchtete bereitstellt.

Laura Gali: Zuvor waren wir in Griechenland, in Thessaloniki. Hier haben wir in zwei verschiedenen Camps gearbeitet. Wir haben beispielsweise eine Schule gestrichen und bei der Essensverteilung geholfen. Ansonsten haben wir einfach viel Zeit mit den Menschen verbracht.

Warum habt ihr Euch entschieden, vor Ort aktiv zu werden?

Maximilian Behrens: Wir hatten uns als Maxime gesetzt, dass unsere Hilfe so sinnvoll und nützlich wie möglich sein soll. Das geht am besten vor Ort.

Laura Gali: Gerade in den kalten Monaten sucht jedes Hilfsprojekt dringend nach Freiwilligen. Wir wollten helfen, den Leuten das Leben in den Camps etwas schöner machen.

Welche Erlebnisse haben Euch besonders bewegt?

Johannes Kobras: Die Begegnung mit einem Iraker. Er wurde vor knapp vier Wochen in Griechenland registriert und sofort ins Gefängnis gesteckt, da er sich vor seiner Registrierung illegal im Land aufgehalten hat – obwohl er sich mehrmals registrieren lassen wollte! Jetzt sitzt er noch immer im Gefängnis. Er sagt, er wolle lieber wieder zurück in den Irak. Das ist das Traurigste, was man hier miterleben kann. Dass Menschen, die aus Todesangst geflohen sind, lieber zurück in ihre Heimat wollen, weil ihnen hier so viel Unmenschlichkeit widerfährt.

Laura Gali: Auf einem Platz in Thessaloniki saßen Menschen auf der Straße. Sie wollten zusammen nach Mazedonien aufbrechen. An dem Tag ist mir besonders aufgefallen, in was für unterschiedlichen Welten wir leben: Wir hatten einen Tag frei, wollten uns entspannt auf den Weg in die Stadt machen. Die Geflüchteten aber wollten sich auf den Weg in ein neues Zuhause machen.

Katharina Waldinger: An einem Tag haben uns Besucher von „Habibi.Works“ (Anm. d. Redaktion: Hilfsprojekt in Griechenland) zu sich nach Hause eingeladen. Es war einfach unglaublich, mit was für einer Gastfreundschaft wir da empfangen wurden. Diese Menschen haben wahnsinnig wenig und trotzdem sind sie dazu bereit, es zu teilen.

Wie könnt Ihr das eigentlich neben dem Studium schaffen?

Johannes Kobras: Einige von uns machen das parallel. Sie haben im Sommer intensiv an ihrer Bachelor-Arbeit geschrieben und sich trotzdem bei der Vorbereitung eingebracht. Max und ich haben unser Studium für die Zeit unterbrochen. Im nächsten Semester schreiben wir dann unsere Bachelorarbeit, in der wir unsere Erfahrungen aufgreifen werden.

Wie hat Euch das, was Ihr im Studium gelernt habt, geholfen?

Maximilian Behrens: Ich glaube, ein ganz großer Punkt ist das Verständnis, was man im Studium der Sozialen Arbeit entwickelt, warum Menschen handeln wie sie handeln. Auch Fragen zu Kinder- und Menschenrechten kamen auf. Das sind Sachen, die wir im Studium gelernt haben. Und natürlich konnten wir auch unser Wissen über Gesprächsführung, Mediation oder Konfliktlösung anwenden.

Manche Menschen stehen Zuwanderung eher skeptisch gegenüber und haben Angst vor „Überfremdung“. Wie geht Ihr damit um?

Henning Busch: Ich versuche, zuerst nachzuvollziehen, woher diese Angst kommt. Vielleicht hat der ein oder andere ja schon schlechte Erfahrungen gemacht. Ich selbst bin mit vielen Menschen mit Migrationshintergrund aufgewachsen. Diejenigen, die ich kennengelernt habe, sind super nett. Es sind schlaue und talentierte Menschen. Natürlich kann man nicht für alle sprechen – aber so ist das bei den Deutschen ja auch.

Maximilian Behrens: Vielleicht ist das auch von der Region abhängig. Paradoxerweise leben die meisten Menschen, die Angst vor Überfremdung haben, in einer Region, in der es nicht viele Fremde gibt. Ihre Angst ist deshalb eigentlich gar nicht begründet. Ihnen würde ich gerne erzählen, wie schön es ist, mit Menschen aus den verschiedensten Nationen und Kulturen zu leben und zu arbeiten. Und wie viel ich von Menschen aus anderen Ländern, aus anderen Kulturen gelernt habe.

Die Fragen stellte Anke Hempfling.

 

F.E.E.L.-Effect

Mit dem Projekt „F.E.E.L.-Effect“ wollen die Studierenden direkte Hilfe vor Ort leisten, ihre Arbeit und Erlebnisse dokumentieren und in Deutschland weitergeben. Insgesamt waren sie zehn Wochen unterwegs und reisten zu verschiedenen Hilfsprojekten und Camps in Griechenland, Mazedonien und Serbien.

FEEL steht für Fellowship (Gemeinschaft), Equality (Gleichheit), Engagement und Liberation (Befreiung). Das sind auch die vier Prinzipien, die sich die Studierenden gesetzt haben.

Die Gruppe besteht aus sieben Mitgliedern: Barbara Steidl (23), Katharina Waldinger, Laura Gali und Johannes Kobras (alle 24), Alexander Kreysig (25), Henning Busch (26) und Maximilian Behrens (27).

Der Verein Schmetterlingseffekt e.V. aus Coburg unterstützt die Studierenden.