„Faktisch sind wir eine Außenstelle von Facebook“

Montag. 02. Dezember 2019 (Madelaine Ruska)

Facebook, Google und Co. machen Milliardengewinne. Auch in Deutschland. Der Fiskus hat davon bislang ziemlich wenig. Denn häufig versteuern die Konzerne ihre Gewinne in Ländern mit günstigen Steuersätzen. Unser Steuergesetz muss sich ändern, wenn es neue digitale Geschäftsmodelle erfassen will, sagt Dr. Uwe Demmler, Professor für Unternehmensbesteuerung und steuerbezogene Digitalisierung der Hochschule Coburg. Im Interview erzählt er außerdem, wie sich das Berufsbild des Steuerberaters gerade verändert.

Herr Demmler, warum zahlen Internetkonzerne aktuell so gut wie keine Steuern in Deutschland?

Facebook verdient sein Geld mit Kundendaten. Wo diese Gewinne besteuert werden, bestimmt sich aktuell noch nach traditionellen Regelungen. In Deutschland gibt es aber kaum ein physisches Geschäft von Facebook oder Google. Wenn Sie z.B. in den Supermarkt gehen, gibt es ein Gebäude. Da bezahlen Sie und das Geld geht in die Kasse und damit auch in die Steuerkasse des deutschen Fiskus.

Wie könnte es gelingen, von den Gewinnen etwas abzubekommen?

Als Nutzer solcher Plattformen sind wir nicht nur Kunde, sondern werden selbst zum Produkt. Wenn ich also gleichzeitig ein Produkt oder zumindest Produktionsfaktor von Facebook bin, dann steht an meinem Haus zwar nicht „Außenstelle von Facebook“, aber faktisch bin ich eine Außenstelle von Facebook. Hier könnte der Fiskus ansetzen und – international abgestimmt – moderne Besteuerungskonzepte entwickeln. 

Sie beschäftigen sich unter anderem mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf den Steuerbereich. Wo nehmen Sie diese besonders wahr?

Die Digitalisierung hat nicht nur neue Geschäftsmodelle hervorgebracht, sie verändert auch das Berufsbild von Steuerberatern, Finanzbeamten und Beschäftigten in Steuerabteilungen. Als wir Betriebswirtschafts-Studierenden den Schwerpunkt „Rechnungswesen, Controlling, Steuern und Finanzen“ vorgestellt haben, hat ein Student gefragt, warum er das überhaupt studieren soll. Steuerberater würde es ja bald nicht mehr geben.

Hat er damit Recht?

Man muss differenzieren. Natürlich werden mit fortschreitender Digitalisierung einfachere Tätigkeiten automatisiert - man braucht also nicht mehr so viele Leute, die eine Steuererklärung ausfüllen. Aber als jemanden, der sich allein auf das Befüllen eines Steuererklärungsformulars versteht, hätte ich den Steuerberater ohnehin nicht gesehen. Er ist nicht nur Ansprechpartner für Steuerfragen, beim Steuerberater laufen auch zahlreiche Unternehmens-Daten zusammen. Insbesondere in kleinen mittelständischen Unternehmen. Da ist der Steuerberater der Fels in der Brandung.

Wie wird sich der Aufgabenbereich von Steuerberatern verändern?

Steuerberater werden sich einerseits auf anspruchsvollere, komplexere Tätigkeiten fokussieren. Andererseits werden Steuerberater deutlich mehr zu Entscheidungsunterstützern, Erklärern und auch Datendienstleistern. In Zukunft werden sie sich zum Beispiel gemeinsam mit ihren Mandanten Gedanken darüber machen, was man aus vorhandenen und neuartigen Datengrundlagen des Unternehmens herausholen kann.

Was bedeutet das für die Studierenden? Was müssen sie mitbringen, wenn sie in diesem Bereich arbeiten wollen?

Die Studierenden müssen lernen, wie man mit anderen Menschen, insbesondere in Projektteams, gut zusammenarbeitet. Das klingt jetzt nach Phrasendrescherei, aber aus meiner persönlichen Erfahrung weiß ich, dass Projekte oft in kleinen interdisziplinären Teams angegangen werden. Und da muss man sich auch mit Informatikern und Personalern verständigen können. Natürlich müssen die Studierenden weiterhin auch fachlich gut ausgebildet sein. Aber sie müssen Fachfremden eben auch erklären können, wie die Steuer funktioniert. Und natürlich brauchen sie IT-Kenntnisse. Kenntnisse, die über die Bedienung eines Tablets hinausgehen.

Warum haben Sie sich für das Thema Steuern spezialisiert?

Ich habe nach dem Abitur eine Bankausbildung gemacht und bin danach zum Studium an die Universität Bayreuth. Zunächst konnte ich mir da eine Spezialisierung im Bereich der Steuern noch nicht so recht vorstellen. Mein Professor und späterer Doktorvater, Prof. Dr. Jochen Sigloch, hat das aber sehr interessant und anschaulich rübergebracht - strukturiert und konzeptionell. In jeder Vorlesung ging bei mir ein Lämpchen an und ich hatte wieder etwas verstanden. Das hat mich so fasziniert, dass ich bereits als studentische Hilfskraft an den Lehrstuhl gegangen bin und später als wissenschaftlicher Assistent dort gearbeitet und promoviert habe.

Und das wollen Sie in Coburg jetzt genauso machen?

Ich möchte die Studierenden für unterschiedlichste Aufgaben im Bereich der Steuern vorbereiten. Dafür ist zunächst ein breit angelegtes, steuerliches Grundverständnis nötig. Das wird in der Grundlagen-Vorlesung im Grundstudium vermittelt. Da möchte ich das Interesse fürs Thema Steuern wecken. Und zwar nicht nur bei Studierenden, die später Steuerberater werden wollen. Auch bei Studierenden, die vielleicht nie wieder direkt mit Steuern zu tun haben. Steuerliche Fragen sind im Unternehmen allgegenwärtig. Selbst wer später in der Personalabteilung arbeitet, wird um Steuerfragen nicht herumkommen. Und wer wirklich tiefer ins Thema Steuern einsteigen will, kann sich im Laufe des Studiums in steuerlichen Vorlesungen, Seminaren und Projekten spezialisieren.

Zur Person

Prof. Dr. Uwe Demmler lehrt seit Oktober an der Fakultät Wirtschaftswissenschaften der Hochschule Coburg. Der 42-Jährige war vorher Unternehmensberater im Bereich Tax und Accounting in Reutlingen sowie Vorstandsvorsitzender einer Pensionskasse mit Sitz in Nürnberg. Uwe Demmler kommt gebürtig aus Crimmitschau. Er studierte und promovierte an der Universität Bayreuth am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre und Wirtschaftsprüfung.

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