Wissenschaftsminister Sibler im Interview

Freitag. 29. März 2019 (Pressestelle)
Staatsminister Bernd Sibler
Bernd Sibler, Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst

Die ersten 100 Tage als bayerischer Wissenschaftsminister hat Bernd Sibler hinter sich. Für ihn ist das Wissenschaftsministerium kein Neuland. Er war bereits von 2013 bis 2018 Staatssekretär in dem Ministerium und in dieser Funktion auch öfters Gast der Hochschule Coburg. Welche Ziele und Pläne er für die Zukunft hat, das verrät er im Interview.

Als Hochschule Coburg üben wir den Spagat zwischen der Erneuerung unserer baulichen Infrastruktur und der programmatischen Entwicklung zukunftsorientierter Studienangebote und Forschungsgebiete. Wie sieht aus Ihrer Sicht ein zielführender Mittelweg aus?

Beides gehört zusammen! Ein fortlaufend aktualisiertes Studienprogramm ist genauso wichtig wie die zukunftsorientierte Anpassung der baulichen Infrastruktur. Für Ersteres sind die Hochschulen die Experten. Bei der Pflege und Modernisierung der Hochschulgebäude kommen wir ins Spiel – da ist der Staat gefordert. Auch in Coburg haben wir kräftig investiert: Für den bereits abgeschlossenen Neubau von Hörsälen und die Sanierung des Gebäudes 10 haben wir rund 17 Millionen in die Hand genommen. Aktuell finanzieren wir weitere Baumaßnahmen in Höhe von rund 30 Millionen Euro. Das neue Parkhaus ist bereits in Betrieb. Im Herbst letzten Jahres war der Spatenstich für das neue IT- und Medienzentrum der Hochschule Coburg. Dieses neue Zentrum wird den Studentinnen und Studenten der Hochschule Coburg modernste und attraktive Studienbedingungen bieten. Es tut sich also einiges!

Wir werden von den Städten und Landkreisen als wichtiger Partner für die regionale Entwicklung gesehen, die sich mit Ideen und Ressourcen einbringen. Welche Möglichkeit hat der Freistaat Bayern, diese Initiativen gemeinsam mit der Hochschule vor Ort zu unterstützen?

In der Tat: Von unseren Hochschulen für angewandte Wissenschaften geht eine hohe Innovationskraft aus – gerade für die Unternehmen der Region. Die Hochschule Coburg zeigt beispielhaft, wie hervorragend Wissenschaft und Wirtschaft kooperieren und sich vernetzen. Das unterstützen wir mit entsprechenden Ressourcen, wie etwa mit dem Zentrum für Mobilität und Energie. Mit diesem Forschungsbau für die Themen Motorenentwicklung und Design umweltschonender Kraftstoffe sowie Erneuerbare Energien können wir eine topmoderne Infrastruktur anbieten!

100 Tage Wissenschaftsminister - das ist doch bestimmt eine große Herausforderung?

Neu ist das Aufgabenfeld des Wissenschaftsministers für mich ja nicht. Schließlich durfte ich die bayerische Wissenschaftslandschaft in den vergangenen Jahren als Wissenschaftsstaatssekretär und davor mehrere Jahre als Vorsitzender des Ausschusses für Hochschulen, Forschung und Kultur im Bayerischen Landtag mitgestalten. Daher sind mir die Themen durchaus vertraut. Ich konnte gleich am ersten Tag im neuen Amt mit der Arbeit beginnen. Als Minister habe ich nun die Letztverantwortung für die Entscheidungen. Das ist schon eine besondere Herausforderung, macht aber auch viel Spaß!

Was reizt Sie an Ihrer neuen Aufgabe?

Das Wissenschafts- und Kunstministerium bietet tolle Möglichkeiten, um Zukunft mitzugestalten. Unsere Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften leisten innovative und wegweisende Forschung. Sie sind dran an den Themen von morgen, und das auf vielerlei Gebieten, die von Medizin, Pflege und Gesundheit über Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Mobilität der Zukunft bis hin zu Energieeffizienz und einem schonenden Umgang mit unseren Ressourcen reichen. Dabei stellen sich auch ethische Fragen. Unsere Hochschulen bieten unseren jungen Menschen Raum, um Visionen und Kreativität zu entfalten. Rahmenbedingungen dafür mitgestalten zu können, ist eine verantwortungsvolle und spannende Aufgabe!

Welche Ziele haben Sie sich für Ihre Amtszeit als Wissenschafts- und -Kunstminister gesetzt?

Mir geht es darum, für die Menschen etwas zu bewegen, zu gestalten. Mein Ziel ist es, das zu fördern, was den Menschen zum Menschen macht. Kreative Querdenker, Visionäre, Problemlöser und Zukunftsgestalter, die wir dringend brauchen, sollen ihre Ideen entwickeln können, die unsere Gesellschaft und unser Land weiterbringen. Gerade Studentinnen und Studenten müssen querdenken dürfen! Die Strukturen unserer Wissenschaftslandschaft in Bayern möchte ich festigen, also Standorte stärken, Profile schärfen. Das bedeutet natürlich auch immer den Kampf um die erforderlichen Ressourcen und die entsprechenden politischen Prioritätensetzungen.

Wie hat man sich die Stärkung der Regionen vorzustellen?

Wir haben in den letzten Jahren enorm viel unternommen, um Wissenschaft in die Region zu tragen. Das beginnt mit unserer Regionalisierungsstrategie: Die 17 staatlichen Hochschulen für angewandte Wissenschaften sind in allen Regionen Bayerns präsent und tragen wesentlich zur Ausbildung der dringend benötigten Fachkräfte bei. Außerdem setzen wir auf Technologietransferzentren. Sie sind an 17 Standorten von Spiegelau über Cham bis nach Obernburg und Kaufbeuren als Innovationsmotoren in das jeweilige wirtschaftliche Umfeld eingebettet. Ihr Beitrag für die Wettbewerbsfähigkeit der regionalen Wirtschaft ist enorm wichtig! Dazu gehören aber auch außeruniversitäre Institute, die wir in Würzburg, Bamberg, Erlangen und Regensburg geschaffen haben, oder der TU-Campus für Nachhaltigkeit in Straubing. Auf den Ausbau folgt jetzt die Schärfung der Profile: Wir wollen die Angebote in ihrer Tiefe und Qualität weiterentwickeln. Daneben werden wir in allen Landesteilen neue Leuchttürme setzen.

In Nürnberg wollen wir zum Beispiel eine Universität der Zukunft errichten, eine Spitzen-Universität, die Modellcharakter für die deutsche Wissenschaftslandschaft hat. In Ottobrunn bzw. Taufkirchen wollen wir mit der Fakultät für Luftfahrt, Raumfahrt und Geodäsie der TU München diese bayerische Schlüsseltechnologie deutlich stärken. Im Raum Augsburg bringen wir mit dem Universitätsklinikum Forschung und Lehre weiter voran: Forschungsschwerpunkte werden hier Umwelt und Gesundheit sowie Medizinische Informatik sein. Auch in Oberfranken werden wir die Medizin stärken, nämlich mit einem Medizincampus, bei dem die FAU Erlangen-Nürnberg und das Universitätsklinikum Erlangen eng mit der Universität sowie dem Klinikum Bayreuth kooperieren. Und am Campus der Universität Bayreuth in Kulmbach errichten wir neu eine Fakultät für Lebenswissenschaften.

Ein großes Thema an den Hochschulen ist nach wie vor die Gleichstellung von Frauen. Wie möchten Sie diese weiter voranbringen?

Ein klarer Schwerpunkt bei den anstehenden Zielvereinbarungen mit unseren Hochschulen wird die Gleichstellung der Frauen im Wissenschaftsbetrieb sein. Hier müssen wir noch besser werden, das steht außer Frage. Deswegen werde ich jede Hochschule bei den Zielvereinbarungen dazu verpflichten, einen von vier Schwerpunkten darauf zu legen. Mein definiertes Ziel ist eine deutliche Erhöhung der Anzahl von Frauen auf Professuren. Mit dem Innovationsbündnis Hochschule 4.0 haben wir im Freistaat hierzu die Weichen richtig gestellt.

Welche Pläne haben Sie für die Studentinnen und Studenten?

Ich möchte die Landesstudierendenvertretung im Bayerischen Hochschulgesetz verankern. Ich habe bereits den Auftrag gegeben, einen entsprechenden Vorschlag vorzubereiten. Die Landesstudierendenvertretung soll die Möglichkeit haben, als anerkannte landesweite Vertretung der Studentinnen und Studenten in Bayern nach außen auftreten zu können. Sie soll also als Zusammenschluss aller Studentenvertretungen der bayerischen Hochschulen die Stimme der Studentinnen und Studenten auf Landesebene repräsentieren. Dieser bayerische Weg sieht – anders als eine verfasste Studierendenschaft – keine Zwangsmitgliedschaft vor, die mit verpflichtenden Beitragszahlungen für jede Studentin und jeden Studenten verbunden wäre. Ich lege großen Wert auf Freiwilligkeit und will gleichzeitig das ehrenamtliche Engagement unserer Studentinnen und Studenten, die sich für die Belange ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen einsetzen, deutlich honorieren.

Sie sind nicht nur bayerischer Wissenschaftsminister, sondern zugleich auf Bundesebene Koordinator der B-Länder. Welche Ziele setzen Sie sich bundesweit, um die Rahmenbedingungen für Forschung und Lehre noch weiter zu verbessern?

Als Koordinator und Sprecher der B-Länder in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz übernehme ich nicht nur Verantwortung für die bayerische, sondern auch für die deutsche Wissenschafts- und Hochschullandschaft. Im November 2018 gelang es nach intensiven Verhandlungen, wichtige Teilbereiche des deutschen Wissenschaftssystems weiterzuentwickeln bzw. erstmals in Bund-Ländervereinbarungen abzusichern: Das betrifft zum Beispiel ein neues Programm zur Nachwuchsförderung an den Fachhochschulen, also unseren Hochschulen für angewandte Wissenschaften. In den kommenden Monaten ist es mein Ziel, Bund-Ländervereinbarungen zu der Nachfolge des Hochschulpakts, des Qualitätspakts-Lehre, für einen weiteren Pakt für Forschung und Innovation und zu den Programmpauschalen für die Förderungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft erfolgreich auszuhandeln.

Richten wir den Blick wieder auf den Freistaat: Was macht Bayern zu einem attraktiven Studienort für junge Menschen?

Unsere Hochschulen schneiden – auch bei internationalen – Rankings hervorragend ab. Hier im Freistaat haben wir Spitzeneinrichtungen! Sie vermitteln fundierte Theorie in Verbindung mit wichtigen Praxiskenntnissen. Mit unserer Regionalisierungsstrategie haben wir es geschafft, jungen Menschen vor Ort den Zugang zu einem interessanten, qualitätsvollen Studium zu eröffnen: Bayernweit finden Sie im Umkreis von rund 50 Kilometern ein Studienangebot. Darüber hinaus tragen vermutlich auch die bayerische Lebensart, unsere Kultur- und Freizeitmöglichkeiten, unsere vielfältige Landschaft, die hervorragenden Perspektiven auf einen ansprechenden und interessanten Arbeitsplatz dazu bei, dass junge Menschen für ihr Studium im Freistaat bleiben oder aus der ganzen Welt zu uns kommen!

Wie sieht angesichts der fortschreitenden Digitalisierung das Studium der Zukunft aus? Wie verändert die Digitalisierung die Lehre?

Bei allem technischen Fortschritt, den die Digitalisierung mit sich bringt, bin ich fest davon überzeugt, dass die direkte Kommunikation zwischen den Lehrenden und Studentinnen und Studenten weiterhin fest zum Alltag an der Hochschule gehören wird. Die Präsenzzeiten der Studentinnen und Studenten werden aber v.a. der gemeinsamen Vertiefung, weniger der Stoffvermittlung dienen. Den Stoff werden sich die Studentinnen und Studenten digital aufbereitet eigenständig aneignen können. Ergänzende digitale Lehrangebote werden einen zeitlich und örtlich flexibleren Hochschulunterricht ermöglichen. Die Rolle der Lehrenden wird sich sicherlich spürbar verändern: Sie werden mehr Diskussionspartner und Moderatorinnen und Moderatoren sein. Der Austausch bleibt, seine Qualität wird aber eine andere sein.

Mit der Virtuellen Hochschule Bayern (vhb) hat der Freistaat Bayern übrigens bereits im Jahr 2000 ein Modell zur hochschulübergreifenden digitalen Lehre etabliert. Studentinnen und Studenten können diese Lehrangebote unentgeltlich nutzen und in ihr Studium integrieren. Seit 2018 weitet die vhb ihr Angebot auf Lehrformate aus, die sich flexibel in die Präsenzlehre integrieren lassen, beispielsweise im Sinne eines Blended Learning oder Flipped Classroom.

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