Humanorientierte Architektur und Gestaltung
Psychologie, Ästhetik und Bedürfnispassung im gebauten Raum
Unsere gebaute Umwelt wird zunehmend vielfältiger und komplexer. Diese Entwicklung eröffnet die Chance, unterschiedliche Lebenswelten miteinander zu verbinden – bringt aber auch Herausforderungen mit sich. Viele Menschen empfinden angesichts fragmentierter Räume und künstlicher Umwelten ein wachsendes Unbehagen. Nicht selten entstehen Orte, die das Wohlbefinden eher beeinträchtigen als fördern. Viele fragen: Wo bleiben Menschlichkeit und Schönheitsempfinden in der Architektur, die in Sonntagsreden so gerne beschworen werden? Aber solche Begriffe sind vage und vieldeutig, und sie haben historisch schon sehr verschiedene Antworten hervorgerufen.
Gleichzeitig verfügt Gestaltung über ein jahrtausendealtes Erfahrungswissen: Intuitiv wurden schon immer Formen, Räume und Atmosphären geschaffen, die auf den Menschen wirken. Heute ermöglichen Erkenntnisse aus empirischer Psychologie, Neurowissenschaften sowie Disziplinen wie Biologie, Systemtheorie, Semiotik, Soziologie und Philosophie ein tieferes, wissenschaftlich fundiertes Verständnis dieser Wirkzusammenhänge. Ästhetische Erfahrung wird so als komplexes Zusammenspiel menschlicher Bedürfnisse, Wahrnehmungen und kultureller Kontexte sichtbar.
Die Master-Vertiefung „Humanorientierte Architektur und Gestaltung" vermittelt dir genau dieses Wissen – und geht darüber hinaus: Du lernst, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisse gezielt in Analyse- und Entwurfsprozesse übersetzen lassen – und vor allem immer wieder neu kontextualisiert werden können. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf Anwendungsfeldern wie Gesundheitsarchitektur, „Healing Architecture" und evidenzbasiertem Design. In dieser Kombination ist das Studienangebot in Europa sehr selten und bietet dir einen klaren konzeptionellen Vorsprung im Wettbewerb beruflicher Kompetenzen.
Im Zentrum stehen grundlegende Fragen:
- Was macht gestaltete Umgebungen für Menschen angenehm, anregend, motivierend, oder auch belastend? Wie lässt sich Wohlbefinden in unterschiedlichen Bedürfniskontexten steigern?
- Was kann „gute" Architektur und Gestaltung in unterschiedlichen Kontexten bedeuten?
- Wie lassen sich Begriffe wie Schönheit oder auch Atmosphäre erklären und erschließen?
- Wie kannst du deinen Entwurf stark – und wissenschaftlich fundiert! – entwickeln und schlüssig argumentieren?
- Und vor allem: Wie kannst du als Gestalter – durch Raum, Licht, Material, Farbe und Struktur – gezielt Einfluss nehmen auf Wahrnehmung, Emotion, Erleben und Verhalten?
Im Rahmen des Instituts Mensch & Ästhetik (Hochschule Coburg, Universität Bamberg) haben wir Studien und Erkenntnissen aus vielen Bezugswissenschaften zusammengeführt und übergreifende Verständnismodelle – gerade für Architekten und Innenarchitektinnen! – entwickelt. Eine große Zahl von Veröffentlichungen haben diese Modelle zugänglich und bekannt gemacht. Du profitierst also von Human-, Natur- und Geisteswissenschaften wie Psychologie, Philosophie, Humanbiologie, Neurowissenschaften, Soziologie, Semiotik oder Kunstgeschichte. Gleichzeitig können wir – mit jahrzehntelanger Gestaltungs- und Lehrexpertise – diese Inhalte auch konkret auf Entwurfsprozesse anwenden und Gestaltungsqualität und Bedürfnispassung ganz praktisch und angewandt erhöhen.
Denn ein reflektierter, wissenschaftlich fundierter Zugang zur Gestaltung ermöglicht es, sich von kurzfristigen Trends und ästhetischen Dogmen zu lösen. Ganz besonders zeitgenössische Gestaltung gewinnt an Tiefe, wenn sie stärker auf menschliche Bedürfnisse und Erfahrungen bezogen wird, als es im Alltag oft der Fall ist. Davon profitieren nicht nur Gesundheitsbauten, sondern alle Räume, in denen Menschen leben, arbeiten, lernen oder interagieren.
Diese Master-Vertiefung ist interdisziplinär mit den anderen Vertiefungsrichtungen verknüpft, so dass du viele Wahlmöglichkeiten hast. Gleichzeitig gibt es aber auch einen verbindlichen fachlichen Kern, der einen neuen Standard setzt in Bezug auf Gestaltungsargumentation, humanorientiertem Entwurf und wissenschaftlichem Hintergrundwissen. Ein Modul findet dabei in Kooperation mit der Universität Bamberg statt (im Bereich Architekturphilosophie), ein anderes auf Exkursion mit ausländischen Universitätspartnern. Darüber hinaus eröffnet die Anbindung an das Institut Mensch & Ästhetik Perspektiven für weiterführende Forschung und Promotion.
Was dich erwartet
Im Master-Fokus „Humanorientierte Architektur und Gestaltung" erwirbst du fundierte Kenntnisse aus Bereichen wie psychologische Ästhetik, Umwelt- und Architekturpsychologie sowie Neuroästhetik. Diese werden zu übergreifenden Modellen verknüpft, mit denen du die Wirkung von Gestaltung systematisch analysieren und gezielt einsetzen kannst.
In konkreten Entwurfsprojekten, etwa zum Gesundheitsbau oder zu Lern- und Arbeitswelten, wendest du deine Kenntnisse ganz praktisch an und und schaffst damit eine in Deutschland einzigartige Verbindung von wissenschaftlicher Menschenkenntnis und Reflektion mit gestalterischer Praxis.
Du lernst, Gestaltung als Werkzeug zu nutzen, um Umgebungen zu entwickeln, die sich an Wahrnehmung, Bedürfnissen und Werten von Menschen orientieren – stets im Kontext sozialer und kultureller Rahmenbedingungen.
Berufliche Perspektiven
Die im Studium erworbenen Kompetenzen sind in vielen Bereichen gefragt, unter anderem:
- Architektur, Innenarchitektur und Städtebau allgemein
- Gesundheitsarchitektur und Health Design
- Ausstellung, Messe und Museum
- Schulen, Kindergärten, Hochschulen
- Restaurants, öffentliche Räume, soziale Aktionsräume
- Set Design, Szenografie, Theater, Film
Kurz gesagt: überall dort, wo Gestaltung auf Menschen wirkt.
Kontakt
Mentor Prof. Dr. Michael Heinrich
- Fakultät Design + Bauen, Studiengang Innenarchitektur
- Institut Mensch & Ästhetik, HS Coburg & Universität Bamberg
- Portfolio
Nach Absprache und situativem Kontext sind auch andere Mentoren aus dem Studiengang Innenarchitektur offen für Masterarbeitsbetreuungen.
Vicenza Master-Exkursion 2026
Im Rahmen einer Exkursion setzten sich Studierende intensiv mit der Stadt Vicenza auseinander und untersuchten ausgewählte Orte aus der Perspektive der Psychologischen Ästhetik. Ziel war es, urbane Räume nicht nur zu betrachten, sondern ihre atmosphärische Wirkung bewusst wahrzunehmen und zu reflektieren. Die folgenden Texte geben erste Einblicke in diese Annäherung – zwischen persönlicher Erfahrung, analytischer Beobachtung und gemeinsamer Diskussion vor Ort.


