15. Mai '26
(Natalie Schalk)
Forschen, feiern, ausprobieren: Mehrere tausend Besucherinnen und Besucher, darunter viele Familien mit Kindern, haben die erste Lange Nacht der Wissenschaften der Hochschule Coburg besucht. Zwischen Laboren, Vorträgen und Mitmachaktionen wurde Wissenschaft zum Erlebnis.
Als die Lange Nacht der Wissenschaften beginnt, füllen sich Gänge, Labore und Vorlesungssäle. Carla Panhans und ihre Freundin Hanna Bülte haben es sich auf Hockern im Stadtfoyer gemütlich gemacht, blättern konzentriert durch das Programmheft und zeigen immer wieder auf neue Stationen. „Schau mal, da möchte ich auch hin“, sagt Carla und tippt auf die nächste Experimentiershow. Die beiden Zweitklässlerinnen sind Freundinnen und zum ersten Mal an der Hochschule Coburg. Gemeinsam mit Carlas Eltern und ihrer großen Schwester wollen sie an diesem Abend möglichst viel sehen und erleben.
Carla und Hanna gehören zu den jüngsten Besucherinnen der ersten Langen Nacht der Wissenschaften der Hochschule Coburg. Mehrere tausend Menschen zieht es in dieser Nacht an die drei Standorte der Hochschule, um zu entdecken, wie spannend Forschung sein kann – und wie viel Spaß Wissenschaft macht.
130 Programmpunkte und Festivalatmosphäre
Rund 130 Programmpunkte füllen den Abend. Zwischen offenen Laboren, Vorträgen, Mitmachaktionen und Experimenten entsteht eine lockere Festivalatmosphäre. Die Hochschul-Big Band und der Chor „Die Klangfänger“ sowie die „Faculty of Rock“ und die Band JoJo sorgen für die richtige Stimmung, dazu gibt’s Kulinarisches an den Foodtrucks und ein vielfältiges Angebot, um den Wissenshunger der großen und kleinen Gäste zu stillen. Hochschul-Präsident Prof. Dr. Stefan Gast ist begeistert vom großen Interesse: „Unsere erste Lange Nacht der Wissenschaften an der Hochschule Coburg ist ein voller Erfolg. Die gesamte Hochschulgemeinschaft hat sich für diese Veranstaltung eingebracht und zeigt, wie vielfältig unsere Hochschule ist.“
Soziale Arbeit: Mensch, Gesellschaft, Social Media
Im Mittelpunkt stehen Zukunftsthemen aus allen Bereichen. An der Fakultät Soziale Arbeit spricht Prof. Dr. Christiane Alberternst beispielsweise über Social Media und Selbstwert bei Jugendlichen. „Beliebtheit ist da ein sehr wichtiges soziales Gut“, erklärt sie. Likes und digitale Aufmerksamkeit beeinflussten das Körper- und Selbstbild vieler junger Menschen stark. „In der mittleren Adoleszenz ist man selbst das wert, was man in den Augen anderer ist.“ Der Vortrag zeigt Wege auf, wie Selbstwert unabhängig davon wachsen kann. Auch Themen wie Frauen in der Wissenschaft oder Katastrophenschutz stoßen auf großes Interesse. Mitmachangebote wie das „Campus Crowd Singing“ oder der „Human Table Kicker“ ziehen zahlreiche Besucherinnen und Besucher an.
Wirtschaft: Märkte, Geld und Arbeitskräfte
An der Fakultät Wirtschaftswissenschaften dreht sich vieles um Geld, Märkte und Zukunftsprognosen. Prof. Dr. Mirko Kraft lässt das Publikum zunächst schätzen, wie viel Bargeld es dabeihat, und erklärt Zusammenhänge zwischen nachhaltigen Finanz- und Versicherungsentscheidungen und finanziellem Wohlbefinden. Gemeinsam mit Dr. Alexander Kubis vom IAB stellt der Coburger Volkswirtschafts-Professor Prof. Dr. Lutz Schneider eine Studie zum Arbeitskräftemangel vor. Die Babyboomer gehen in Rente, es gibt nicht genug junge Arbeitskräfte. „Bis 2060 würde in Deutschland ein Viertel der Erwerbsbevölkerung fehlen, wenn wir keine Zuwanderung hätten“, erklärt Schneider.
Bei Prof. Dr. Victor Randall erhalten Besucherinnen und Besucher Einblicke in das Bloomberg-Terminal und darin, wie dieses mächtige Werkzeug es Finanzprofis ermöglicht, ihr ideales Portfolio zusammenzustellen. „The oil price is one of the main topics in the market“, sagt Randall. („Der Ölpreis ist eines der zentralen Themen am Markt“). Auf dem Bildschirm ist zu sehen, dass im zweiten Quartal 2026 mit einem Durchschnittspreis von 93,63 USD pro Barrel gerechnet wird – im ersten Quartal 2027 nur noch mit 74,32 USD. Ein vergleichbarer Rückgang der Gaspreise ist laut Daten des Bloomberg-Terminals im gleichen Zeitraum nicht zu erwarten. Finanzprofis schätzen die geopolitischen Risiken im Zusammenhang mit dem Iran derzeit milder ein als die Auswirkungen des Russland-Ukraine-Krieges.
Stempelkarten und Entdeckungen bei der Langen Nacht der Wissenschaften Coburg
Carla und Hanna, die beiden Zweitklässlerinnen, sind zwischendurch in Laboren und Hörsälen unterwegs, probieren aus, experimentieren und sammeln dabei an einigen Stationen Stempel, um sich am Ende eine Urkunde als „Science-Profi“ abzuholen. Carlas Vater Bernd Panhans kommt unterdessen mit Forschenden ins Gespräch. „Ein ganz toller Abend“, sagt der Ur-Coburger. Der Rahmen mit Foodtrucks, verschiedenen Bands, musikalischen Darbietungen und Familienprogramm sei die ideale Vorsommernacht. „Die Hochschule hat sich geöffnet und heute hat sich richtig gezeigt, welches Potenzial hier in Coburg liegt. Ich bin sehr beeindruckt.“ Die Familie bleibt allerdings am Campus Friedrich Streib. „Mir wurde schon viel vom Schlachthofareal vorgeschwärmt, das hätte mich auch sehr interessiert – aber das schaffen wir nicht.“
Schlachthofareal: Kultur trifft Hochschule
Zwischen den drei Standorten der Hochschule pendeln den ganzen Abend Shuttlebusse. Besonders rund um das Schlachthofareal entsteht eine kreative Mischung aus Hochschulkultur und Subkultur. In der alten Kühlhalle öffnet der CREAPOLIS Makerspace seine Werkstätten und lädt mit offenen Mitmachstationen zum Tüfteln, Ausprobieren und Selbermachen ein. Gleich daneben wird das Areal rund um die Designfabrik zur Bühne für Hip-Hop-Kultur: Besucherinnen und Besucher schauen Künstlerinnen und Künstlern beim Sprayen über die Schulter, erleben DJ-Sets, Live-Rap und Breakdance-Performances. Gemeinsam wird an einem Wandcomic über Wissenschaft, Stadt und Zukunft gearbeitet.
Design + Zukunft: KI, Bauen und virtuelle Welten
Im Coburg University Center of Responsible Artificial Intelligence (CRAI) am Schlachthofareak können Besucherinnen und Besucher bei Prof. Dr. Jens Grubert einen Spaziergang durch einen virtuellen Wald unternehmen, gleichzeitig werden im „MEAT“ in der Alten Kühlhalle Themen der Fakultät Design + Bauen aufgegriffen – etwa zur Einfamilienhauswende bei Prof. Dr. Anja Ohliger oder zu Bauerhalt und Denkmalpflege bei Prof. Roger Karbe. Die Fakultät Design + Bauen verbindet Wissenschaft, Gestaltung und gesellschaftliche Zukunftsfragen – am nahegelegenen Campus Design erklärt Prof. Dr. Michael Schaub beispielsweise Möglichkeiten zum Austausch von Öl- und Gasheizungen. Dekan Prof. Dr. Egbert Keßler lädt bei seiner „Experimenta“ zu „Bauphysik zum Anfassen“ ein. Eindrucksvoll wirken die interaktiven Rauminstallationen „Composed Realities“ der von Brigitta Sommer und Wolfram Richger betreuten Studierendenarbeiten. Video, Projektionen, Klang, Virtual Reality und Bewegungen der Gäste verschmelzen dort zu einer digitalen Erlebniswelt. Auch das Institut für Sensor- und Aktortechnik ISAT präsentiert aktuelle Forschung zu Sensorik, Ultraschall und Mikrofluidik.
Technik und Zukunftstechnologien am Campus Friedrich Streib
Die Fakultät Maschinenbau und Automobiltechnik, die Fakultät Elektrotechnik und Informatik und die Fakultät Angewandte Naturwissenschaften und Gesundheit präsentieren auf dem Campus Friedrich Streib Zukunftstechnologien und Forschung rund um Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt – von Lasertechnik bis Aerodynamik, von KI bis Robotik, von 3D-Druck bis zu Plastik und Gesundheit. Prof. Dr. Stefan Simm erklärt beispielsweise, welche Rolle KI in Landwirtschaft und Medizin spielen kann, Prof. Dr. Matthias Geuß spricht über Fahrzeuge die denken und sprechen, und Prof. Dr. Alexander Rost demonstriert in laut knallenden Experimenten, wieviel Metall aushält, bis es reißt.
Mobilität, Energie und Rennsport
Im Forschungsgebäude „Zentrum für Mobilität und Energie“ dreht sich vieles um nachhaltige Mobilitäts- und Energiekonzepte. Prof. Dr. Bettina Friedel und Prof. Dr. Bernd Hüttl geben Einblicke in Photovoltaik- und Wasserstofftechnik. Prof. Dr. Michael Rossner beeindruckt in Experimenten im Hochspannungslabor mit spektakulären Spannungen, während Prof. Dr. Christian Weindl zeigt, wie Fehler in Stromnetzen frühzeitig erkannt werden können. Im Kfz-Labor geht es bei Prof. Dr. Marco Denk und seinem Team um neue Mobilitätskonzepte und unterschiedliche Antriebs- und Speichertechnologien. Draußen zieht ein elektrisch angetriebenes Rennauto viele Blicke auf sich. Die studentische Initiative CAT Racing, das Formula-Student-Team der Hochschule Coburg, präsentiert Motorsport zum Anfassen und zeigt, wie viel Entwicklungsarbeit hinter den Rennwagen steckt.
Weiterbildung und Forschung für die Region
Auch das TTZ Oberfranken „Digitale Intelligenz“ am Standort Lichtenfels und das Projekt „inAdditiv“ zeigen Möglichkeiten, Zukunftstechnologien in den Mittelstand der Region zu bringen. In der Promotionsgalerie präsentieren Doktorandinnen und Doktoranden ihre Forschungsarbeiten, während Besucherinnen und Besucher im Forschungslabyrinth entdecken können, mit welchen Themen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Hochschule Coburg beschäftigen. Im IT- und Medienzentrum ITMZ gibt es außerdem Führungen und Lesungen für verschiedene Altersgruppen.
Prof. Dr. Michael Hartmann und Kerstin Buhl von der Studienfakultät für Weiterbildung unterstützten die Besucherinnen und Besucher zum Beispiel dabei, ihre eigenen Stärken und Weiterentwicklungsmöglichkeiten herauszufinden.
Wissenschaftsshows als Publikumsmagnet
Besonders beeindruckend sind die Wissenschaftsshows von Prof. Dr. Stefan Kalkhof, Prof. Dr. Klaus Drese und ihren Teams. Mehrere Experimentalvorlesungen zu Chemie und Physik locken hunderte Zuschauerinnen und Zuschauer in die Hörsäle. Als bei einer Vorführung mit verschiedenen Gasen gefüllte Luftballons mit einem Knall platzen, erschrickt Carla Panhans – und lacht sofort wieder. „Das war richtig cool“, sagt die Siebenjährige. „Erst habe ich mich erschrocken, aber dann war’s cool. Es sah aus, als würde Feuer rumspritzen.“
Müde, begeistert und voller neuer Ideen
Gegen 22 Uhr sind die beiden Zweitklässlerinnen Carla und Hanna müde – und voller Eindrücke. „Ich glaube“, sagt Hanna, „mir haben die Cocktails am besten gefallen. Einer war blau, einer hatte eine andere Farbe – zusammengemischt wurde daraus schwarz.“ Sie kichert: „Am besten war aber, dass es süß war – also lecker!“ Jetzt wollen sie nur noch zum Infopoint, um ihre Stempelkarten gegen die offizielle „Science-Profi“-Urkunde und ein kleines Geschenk einzutauschen. Und dann ab ins Bett. Eine lange, aufregende Nacht der Wissenschaften geht zu Ende.












































































