12. Juni '26
(Natalie Schalk)
Vor zehn Jahren startete der Studiengang ZukunftsDesign der Hochschule Coburg in Kronach: 22 Studierende, wenig Möbel und eine ausbaufähige Internetverbindung waren der erste Schritt auf dem Weg zum Lucas-Cranach-Campus. Heute hat sich daraus ein regionaler Innovationsmotor entwickelt.
Ein paar Tische, Stühle – und das Internetkabel lag quer über dem Gang. Es war sichtbar, spürbar, dass hier gerade etwas Neues entstand. „Es fühlte sich improvisiert, lebendig und nach Aufbruch an“, erinnert sich Anna-Sophie Reier, „so, als würden wir nicht nur einen Studiengang besuchen, sondern ihn mit aufbauen.“ Als die ersten 22 Studierenden des Masterstudiengangs ZukunftsDesign 2016 die ehemaligen Büroräume des Fernsehherstellers Loewe bezogen, ahnten sie allerdings nicht, welche Entwicklung sie damit anstoßen würden. Mit dem ungewöhnlichen Studiengang der Hochschule Coburg begann vor zehn Jahren die Geschichte des Kronacher Lucas-Cranach-Campus (LCC).
Anna-Sophie Reier war damals 26 Jahre alt. Die Kommunikationswissenschaftlerin und Germanistin lebte in Hof und hatte nach ihrem Bachelor zunächst Berufserfahrung gesammelt. Irgendwann wollte die gebürtige Kronacherin einen Master machen, wusste aber nicht in welchem Fach. Noch weniger wusste sie, wie sie das mit dem Job vereinbaren sollte. Dann legte ihr die Familie einen Zeitungsartikel über einen neuen Studiengang in ihrer Heimatstadt auf den Tisch: ZukunftsDesign.
ZukunftsDesign: gemeinsam in interdisziplinären Projekten lernen
„Plötzlich konnte man in Kronach studieren“, sagt Anna-Sophie Reier. „Und alles daran klang spannend, neu und anders.“ Lernen in Projektteams statt nur in Vorlesungen, dabei große Offenheit für Menschen unterschiedlichster beruflicher Hintergründe – von Maschinenbau über Soziales bis zu Textildesign. „Die Mischung war besonders“, sagt Reier. „Ich arbeitete mit Menschen, denen ich in einem klassischen Studium und auch im Berufsleben vermutlich nie begegnet wäre.“ Einer kam mit dem Wohnmobil. Irgendwann übernachteten mehrere Studierende auf dem Parkplatz des ehemaligen Loewe-Werks. Im Sommer wurde gegrillt. Es entstand eine enge Gemeinschaft, die bis heute verbunden ist. „Gerade für ein berufsbegleitendes Studium ist das wirklich ungewöhnlich.“
Praxisprojekte und Netzwerk: mehr als 130 Kooperationen
Das berufsbegleitende Format und die interdisziplinäre Arbeit an realen Projekten mit Unternehmen und Organisationen sind bis heute Kern des Studiengangs. „Mittlerweile können wir auf ein riesiges Portfolio an Praxiskontakten bauen und haben mehr als 130 Praxisprojekte durchgeführt“, erklärt Studiengangsleiter Prof. Dr. Christian Zagel. „Learning by doing“ sei nach wie vor der zentrale Ansatz. Die Studierenden seien dabei so unterschiedlich wie kaum anderswo. Die Altersspanne reicht von Anfang 20 bis über 70 Jahre – vom Berufseinsteiger bis zur Professorin. „Nicht, weil sie unbedingt einen weiteren Abschluss brauchen“, sagt Zagel, „sondern weil sie sich persönlich und beruflich weiterentwickeln wollen. Wir verstehen uns als Studiengang, der Innovation nicht nur lehrt, sondern der per se ein Innovationsprojekt und Experimentierumfeld ist. Deswegen probieren wir viel aus.“
Entrepreneurship-Track: Start‑ups und Patentmeldungen
Statt vieler Präsenztermine setzt ZukunftsDesign heute auf wenige Wochenenden vor Ort und ergänzende Onlineformate. Die Studierenden kommen aus ganz Deutschland und teilweise aus dem Ausland – ob aus Österreich oder dem Iran. Seit diesem Sommersemester ergänzt ein eigener Entrepreneurship-Track die bisherigen Praxisprojekte. Hintergrund ist die wachsende Zahl an Gründungsideen, die aus dem Studium hervorgegangen sind. „Es wurden zahlreiche Preise gewonnen und auch Patente eingereicht.“ Allein im aktuellen Semester arbeiten die Studierenden an 18 Gründungsvorhaben. Wer mit einer eigenen Idee scheitert, kann in den bisherigen, nun Intrapreneurship genannten Schwerpunkt wechseln.
Erfolgsgeschichten: Aus Studienprojekten werden Unternehmen
Sandor Adams Hintergrund reicht von Biotechnologie über Ethnologie bis hin zu Innovationen in japanischen Start-ups. Er studiert ZukunftsDesign im neuen Entrepreneurship-Track und arbeitet parallel an seinem eigenen Start-up Satoumi. Es soll Technologien im Bereich Nachhaltigkeit und Energiegewinnung schneller in die Märkte bringen. Eigentlich suchte der 30-Jährige nach einem Startup-Inkubator – einem Förderprogramm, das junge Unternehmen beim Aufbau ihrer Geschäftsidee unterstützt. Stattdessen stieß er auf ZukunftsDesign. „Das Angebot war zu gut, um es nicht anzunehmen und hat sogar Inkubatoren in London, Singapur und Tokio geschlagen.“
Der Studiengang bot ihm bessere Bedingungen. Zeit für seine eigene Idee, die Möglichkeit, sie im geschützten Rahmen weiterzuentwickeln. Zugang zu Projekten und Netzwerken. Freiraum. Keine Abgabe von Unternehmensanteilen. Und zusätzlich einen Masterabschluss. Das Testen des ersten Prototyps des Pyrolyse-Reaktors im ZukunftsDesign-Studium sei unkompliziert gewesen. Später folgte ein strategischer Richtungswechsel: weg vom eigenen Betrieb der Technologie, hin zur Patentierung und Lizenzierung an bestehende Unternehmen. Die Reaktion sei sehr direkt und praktisch gewesen: „Ah ja, das ist eine coole Idee. Was brauchst du dafür?“
Campusentwicklung: Lucas‑Cranach‑Campus in Kronach
Während Studierende wie Adam heute an eigenen Gründungsideen arbeiten, ist auch der Hochschulstandort gewachsen. Aus den Anfängen in den ehemaligen Loewe-Büros ist heute in der Kronacher Innenstadt der Lucas-Cranach-Campus geworden. Am LCC studieren inzwischen gut 340 Studierende der Hochschule Coburg: Zusätzlich zu ZukunftsDesign werden der Master Autonomous Driving und die Bachelorstudiengänge Wirtschaftsinformatik 2.0 und Digital Business Models and Technologies angeboten. Hinzu kommen weitere Studienangebote der Hochschule Hof. Lehr- und Arbeitsräume, Labore, Maker Space, Co-Working-Bereiche und eine Teststrecke für autonomes Fahren gehören auch zum Campus.
Anna-Sophie Reier blickt von München aus auf die Anfänge zurück. Sie arbeitet heute als Online-Redakteurin bei „Psychologie Heute“, entwickelt digitale Formate und schreibt ihren eigenen Newsletter. Vieles hat sich seit ihrem Studium verändert. Geblieben seien die Menschen, die sie damals kennenlernte. „Aus meinem Projektpartner aus dem ersten Semester wurde ein guter Freund – er leitet inzwischen das Hotel, mit dem wir damals im Erstsemester-Projekt gearbeitet haben, und hat es stark weiterentwickelt“, erzählt sie. Ein weiterer Kommilitone startete das Studium gemeinsam mit seiner Frau und deutlich mehr Lebenserfahrung als viele andere im Jahrgang. Er halte die Gruppe zusammen und organisiere regelmäßige Treffen. ZukunftsDesign habe ihnen allen eine bestimmte Art zu Denken mitgegeben: „Dinge nicht als in Stein gemeißelt betrachten, sondern in Bewegung bleiben und Veränderung als etwas Positives sehen.“ Zehn Jahre nach dem Start des Studiengangs ist Veränderung vielleicht die größte Konstante von ZukunftsDesign.
















