10. Juni '26
Im Zwischenlager Grafenrheinfeld lagern seit Jahren 54 Castor-Behälter mit hochradioaktivem Abfall – und noch immer ist ungeklärt, wo dieser Atommüll dauerhaft untergebracht werden soll. Bei einer außergewöhnlichen Exkursion mit Prof. Dr. Christian Holtorf erhielten Studierende der Hochschule Coburg seltene Einblicke in einen Ort, an dem Verantwortung über Generationen hinweg gedacht werden muss. Darüber berichten sie auch am Mittwoch, 17. Juni, im Philosophischen Café im AWO-Mehrgenerationenhaus.
Eine der brisantesten Fragen der angewandten Ethik hat 17 Studierende der Studiengänge Betriebswirtschaft, Informatik, Visual Computing, Wirtschaftsinformatik 2.0 und Maschinenbau nach Grafenrheinfeld bei Schweinfurt geführt. Kaum eine Autostunde von Coburg entfernt, besteht dort seit rund zwei Jahrzehnten ein Zwischenlager für radioaktiven Atommüll. Auch nach der Stilllegung des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld warten hier noch 54 große Castor-Behälter mit rund 800 Tonnen hochradioaktivem Abfall auf eine Entscheidung, wo sie endgültig untergebracht werden können.
Der Besuch im Zwischenlager Grafenrheinfeld
Das brisante Material wird bis dahin in Grafenrheinfeld bleiben – vermutlich noch einige Jahrzehnte. Auf Einladung der Gesellschaft für Zwischenlagerung, die das Lager betreibt, hatten die Coburger Studierenden die seltene Gelegenheit, sich selbst dort umzuschauen. Unter umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen konnten sie unter anderem die große Halle mit den Castor-Behältern besichtigen und ihre Eindrücke mit Standortleiter Patrick Dereser diskutieren. Dabei standen Fragen der langfristigen Sicherheit, der technischen Überwachung und der gesellschaftlichen Verantwortung im Mittelpunkt. Der Strahlenschutz steht hier an erster Stelle, doch die aktuelle Belastung vor Ort ist so gering, dass sie keine Gesundheitsgefährdung bedeutet.
Sicherheit und Strahlenschutz im Fokus
Das Bayerische Landesamt für Umwelt unterhält ein eigenes Fernüberwachungssystem und stellt im Bereich des Strahlenschutzes seine Daten sogar ins Internet. „Auch dadurch können Unregelmäßigkeiten oder Störungen früh erkannt werden“, sagte Pressesprecher Stefan Mirbeth. Vor Ort zeichnen Dosimeter die Belastung auf und geben Alarm, wenn Grenzwerte überschritten werden. Besonders interessant: Die Betreiber verlassen sich nicht auf digitale und elektronische Technologien, sondern geben einfachen Mechaniken und persönlichen Kontrollen den Vorrang. So soll zusätzliche Ausfallsicherheit gewährleistet und das Risiko technischer Fehlfunktionen minimiert werden.
Anna Sanders studiert „Visual Computing“. Sie war beeindruckt, „wie komplex und langfristig die Verantwortung im Umgang mit hochradioaktiven Abfällen ist. Für mich hat sich dadurch vor allem die Erkenntnis verstärkt, dass es sich nicht nur um eine technische oder politische Herausforderung handelt, sondern um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die über viele Generationen hinweg gedacht werden muss.“
Praktische Ethik zwischen Wissenschaft und Verantwortung
Dass praktische Ethik häufig keine einfachen Antworten geben kann, weiß auch Prof. Dr. Christian Holtorf, der die Exkursion leitete. Die Fahrt sollte genau dies vermitteln. Der Wissenschaftsforscher sagt: „Schwierige ethische Entscheidungen werden erst dann fassbar, wenn sie anwendungsorientiert sind und sich auf anschauliche Probleme beziehen. Aber nur wer sich intensiv darauf einlässt, kann sinnvolle pragmatische Lösungen finden.“ In seinen Kursen spricht er auch die Verantwortung der Wissenschaften an. „Mehr als 60 Jahre nach der Einführung der Atomkraft in Deutschland“, so Holtorf, „gibt es noch immer keine wissenschaftlich und politisch akzeptable Lösung für eine sichere Lagerung des Atommülls. Die Verantwortung müssen wir deshalb nun alle tragen.“
Berufsperspektiven rund um die Endlagersuche
Die Suche nach einem bestmöglichen Endlager ist inzwischen stark von dem Bemühen geprägt, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Transparenz und Beteiligungsmöglichkeiten werden großgeschrieben. In den 1980er und 90er Jahren hatte der enorme Widerstand gegen die geplanten atomaren Anlagen in Gorleben, Brokdorf oder Wackersdorf in eine Sackgasse geführt. Die großen technischen und sozialen Herausforderungen bieten heute auch berufliche Perspektiven für AbsolventInnen der Hochschule – danach fragten die Studierenden ebenfalls.
Philosophisches Café
Am Mittwoch, 17. Juni, berichten Professor Holtorf und die Studierenden im Rahmen des Philosophischen Cafés der Hochschule über die Exkursion. Die Veranstaltung findet ab 17.30 Uhr im AWO-Mehrgenerationenhaus statt. Vorgestellt werden sowohl technische Lösungsansätze als auch ethische und gesellschaftliche Fragestellungen, die sich aus der jahrzehntelangen Zwischenlagerung ergeben.






