Über den Horizont – Risiko oder Chance?

Mittwoch. 21. August 2019 (Pressestelle)

In der Moderne werden Horizonte nicht mehr nur räumlich, zeitlich oder metaphorisch gedacht, sie stiften Identitäten. In dem interdisziplinären Buch „Über den Horizont“ stellen der Coburger Professor Christian Holtorf und die Erfurter Philosophin Bärbel Frischmann verschiedene Auslegungen des Begriffs vor und integrieren konkrete Aufforderungen ins eigene Handeln, in Gesellschaft und Wirtschaft.

„Licht am Horizont“ oder „dunkle Wolken“– der Begriff Horizont findet sich seit jeher im Sprachgebrauch der Menschen wieder. Räumlich betrachtet ist er immer da, aber nie zu erreichen. Ist er ein Rand, eine Zone oder eine Schwelle? Und wie sieht der eigene Zukunftshorizont aus?

„Man muss seinen Horizont erweitern“ – der Geist des Menschen muss heute seinen Wissenshorizont, bedingt durch technische und gesellschaftliche Fortschritte, immer wieder neuen Gegebenheiten anpassen. Das führt auch zur Abgrenzung von anderen und zur Stiftung von Identitäten. Gibt „der Horizont“ also noch Orientierung und Sicherheit?

Dieser und weiteren Fragen widmen sich der Coburger Professor Christian Holtorf und die Erfurter Philosophin Bärbel Frischmann in ihrem interdisziplinären Band „Über den Horizont“, der im Frühjahr diesen Jahres im Wissenschaftsverlag de Gruyter erschienen ist. In ihm beleuchten Kunsthistoriker, Politikwissenschaftler. Sozialgeographen u.a. den vielschichtigen Begriff und nehmen inhaltlich Stellung zu spezifischen Fragen ihrer Fächer. Als offenes Tableau soll der Band bewusst dazu anregen, den eigenen Horizont zu erweitern.

Aus der Geschichte heraus

Einer der Gastautoren Niko Kohls, Professor für Gesundheitswissenschaften/ Gesundheitsförderung an der Hochschule Coburg, geht in seinem Beitrag zunächst auf die etymologische Bedeutung des Horizonts ein, das einen „begrenzenden Kreis“, ein spezifisches Blickfeld, impliziert, und somit eine Abgrenzung von Beobachtbarem und Unbeobachtbarem vornimmt. Aus wissenschaftlicher Perspektive kann die visuelle Grenz- und Ordnungslinie des Horizonts auf diese Weise menschliche Wahrnehmungen strukturieren und dazu beitragen einen eigenen Standpunkt herauszubilden. Kohls zeigt insbesondere am Beispiel Wilhelm Wundts, eines frühen Psychologen aus dem 19. Jahrhundert, wie Horizontbildungen in der Geschichte der Psychologie dafür verwendet werden wurden, bestimmte Haltungen und Forschungsthemen zu etablieren bzw. auszugrenzen.

Der Herausgeber Christian Holtorf selbst, Professor für Wissenschaftsforschung und Wissenschaftskommunikation an der Hochschule Coburg, forciert aus akademischer Sicht das heutige menschliche Handeln: Er fordert, dass für eine Erweiterung des Blicks nicht einfach die Horizontlinie in eine bestimmte Richtung verschoben oder überwunden werden sollte. Vielmehr müsse der Begriff selbst hinterfragt werden. Er stellt aus der Kultur- und Begriffsgeschichte heraus dar, dass mit einem Wissenshorizont sowohl Erfahrungen als auch Erwartungen verbunden sind, die auf dem menschlichen Körper, auf Medientechniken und zeitlichen Perspektiven beruhen. Um einen Horizont verschieben oder erweitern zu können, bedarf es daher der permanenten Selbstreflexion.

Globalisierung und Rechtsnormen

Sein Coburger Kollege Eckhardt Buchholz-Schuster, Professor für "Rechtliche Grundlagen und Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit", setzt dagegen in seiner Darstellung internationale Schwerpunkte. Er leitet seine Überlegungen mit einem konkreten Beispiel aus der Justiz ein, das immer wieder konverse Standpunkte hervorruft: „Wenn beispielsweise Herr A unter dem politischen System B im Land C zum Zeitpunkt D eine Tat begeht, die zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort und in einem anderen politischen System als Unrecht erkannt wird, dann erfordern die […] Legitimationsleistungen Horizontüberschreitungen.“ Mit Blick auf die Zeit nach 1945 und 1990 fordert er über gängige rechtsphilosophische Horizonte zeitlich und methodisch hinauszublicken, um Antworten auf die mit der heutigen Globalisierung verbundenen Probleme geben zu können. Dazu rechnet er insbesondere staatenübergreifende Rechtsnormen etwa im Falle der Klimapolitik oder grenzüberschreitendes Handeln bei humanitären Katastrophen.

In dem knapp dreihundert Seiten umfassenden Sammelband erschaffen die Herausgeber Christian Holtorf und Bärbel Frischmann zusammen mit vielen weiteren Gastautoren ein breites Spektrum an Möglichkeitsräumen, die der Horizontbegriff und seine Verwendung beinhalten.

Die Beiträge machen neugierig und regen zur eigenen Reflexion an. Am Ende des Werks herrscht dennoch weiterer Forschungsbedarf, beispielsweise in wieweit sich inhaltliche Parallelen aus verschiedenen Disziplinen bündeln lassen, um konkrete Handlungsmöglichkeiten in einem komplexen Alltag geben zu können.

Nicht nur Wissenschaftlern sei dieser fachübergreifende Sammelband empfohlen, sondern auch denjenigen, die ihren eigenen Horizont kritisch betrachten wollen. Denn dieser Band selbst ist ja schon an sich ein Stück wissenschaftliche Horizonterweiterung.

Der Band geht auf eine Tagung zurück, die unter dem Titel „Über den Horizont" als gemeinsame Veranstaltung der Universität Erfurt und der Hochschule Coburg vom 10.-12. November 2016 in Erfurt stattfand und von der Andrea von Braun-Stiftung gefördert wurde.

Frischmann, Bärbel und Holtorf, Christian (Hg.): Über den Horizont. Standorte, Grenzen und Perspektiven, Berlin: de Gruyter Oldenbourg  2019. -ISBN-13: 978-3110551235.

 

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