Mathias Wilde neuer Professor für Vernetzte Mobilität

Montag. 23. September 2019 (Dr. Margareta Bögelein)
Prof. Dr. Mathias Wilde
Prof. Dr. Mathias Wilde

Seit dem Sommersemester 2019 hat Dr. Mathias Wilde die Professur für Vernetzte Mobilität in der Fakultät Maschinenbau und Automobiltechnik der Hochschule Coburg inne. Er forscht u.a. zu Fragen der Mobilität im ländlichen Raum und setzt sich mit der nachhaltigen Gestaltung von Verkehrssystemen auseinander. Beim 1.Coburger Mobilitätskongress am 10. und 11. Oktober an der Hochschule Coburg tritt er als Referent auf.

Herr Professor Wilde: Was fasziniert Sie an der Mobilität?

Der Facettenreichtum. Mobilität ist mehr als von A nach B zu kommen. Sie ist ein Grundbedürfnis und berührt ganz viele Lebensaspekte. Wir sind im Alltag unterwegs, wenn wir die Kinder in den Kindergarten bringen. Wir fahren zur Arbeit und in den Urlaub. Und zwar mit ganz unterschiedlichen Verkehrsmitteln. Außerdem hat der Verkehr als Resultat von Mobilität eine große gesellschaftliche Relevanz für die Wirtschaft, den Handel und die Wissenschaft.

Was sind die größten Herausforderungen beim Thema Mobilität?

Wie sehen uns mit globalen wie auch lokalen Herausforderungen konfrontiert. Der Verkehr trägt durch den CO2-Ausstoß wesentlich zum Klimawandel bei. Laut einer Veröffentlichung des Umweltbundesamtes aus 2019 ist dieser Wert in Deutschland im Vergleich zu anderen Sektoren wie der Industrie und den Gebäuden seit 1990 auch nicht gesunken. Ein weiterer Punkt ist die lokale Verkehrswende.

Wie sieht es mit der Mobilität im ländlichen Raum aus?

Anders als in der Stadt fehlen hier derzeit echte Alternativen zum Auto. Es gibt zwar Angebote des öffentlichen Personennahverkehrs. Aber sie holen die Leute oft nicht im Alltag ab. Und man muss bedenken, dass viele Probleme des städtischen Verkehrs eigentlich Probleme des ländlichen Raumes sind. Wir haben viele Einpendler und Leute, die zum Einkaufen in die Stadt fahren. Der Verkehr in der Stadt und im ländlichen Raum ist miteinander verflochten. Wenn wir attraktive urbane Räume haben wollen, brauchen wir auch gute Angebote im ländlichen Raum mit einem Mix aus verschiedenen Verkehrsmitteln.

Was wären alternative Angebote?

Carsharing und private Mitnahme, also das nachbarschaftlich organisierte Autoteilen. Eine Möglichkeit sind auch Bürgerbusse. Und wir sollten den Verkehr, der sich nicht vermeiden lässt, so nachhaltig wie möglich gestalten. Etwa durch Elektromobilität. Außerdem sollten wir den ÖPNV so ausbauen, dass er die Menschen erreicht. Da gibt es gute Beispiele in der Schweiz oder in Österreich. Schwierig ist es nur, weil es keine Patentlösung gibt. Jede Region ist gefordert eigene Wege zu finden. Das verlangt Kreativität und Umsetzungswillen. Insgesamt gesehen brauchen wir einen einfachen Zugang zu den Angeboten. Man sollte sich keine Gedanken zu den Tarifzonen machen müssen. Man steigt ein und wieder aus. Da hilft auch die Digitalisierung, z.B., indem beim Aussteigen abgerechnet wird, wie weit ich gefahren bin.

Wie ist der Zusammenhang zwischen Mobilität und demografischer Wandel im ländlichen Raum?

Der demografische Wandel bedeutet einerseits abnehmende Bevölkerungszahlen in einer Region und andererseits die Verschiebung der Altersstruktur. Aber das Bild, das wir von älteren Menschen im ländlichen Raum haben, stimmt heute nicht mehr ganz. Die Älteren sind aktiver, fitter, sie fahren gut Auto und können ihren Alltag selbstständig organisieren. Die Generationen, die jetzt älter werden, haben in der Regel den Führerschein. Damit haben wir das Paradox, dass die Bevölkerung im ländlichen Raum abnimmt, aber die Verkehrsleistung zunimmt.

Wie kann hier eine Kombination unterschiedlicher Player aussehen?

Das ist ein ganz spannendes Feld. Akteure von Mobilität und Verkehr im ländlichen Raum sind zum einen die Kommunen, die für die Daseinsvorsorge zuständig sind. Es gibt Verkehrsunternehmen, die Neues ausprobieren wollen. Und die Bevölkerung, die sich z.B. zu Vereinen zusammenschließen und Bürgerbusse initiieren. Und dann haben wir neue Akteure. Im letzten Jahr hatten wir ein Projekt mit der evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Die Pfarrer bekamen von der Kirche Elektroautos zur Verfügung gestellt, die sich auch die Gemeindeglieder ausleihen können.

Was brauchen wir, damit Mobilität umweltfreundlich und bezahlbar wird?

Aktuell besteht oft das Verständnis, dass Autoverkehr gleichzusetzen ist mit Mobilität. Wir befürchten, dass wir unsere Mobilität einschränken, wenn wir den Autoverkehr sanktionieren. Autoverkehr ist aber nicht per se Mobilität. Mobilität ist die Fähigkeit, an einen Ort zu kommen um Bildung, Lebensmittel oder Dienstleistung zu bekommen, ins Theater oder Kino zu gehen und sich mit Freunden zu treffen. In den letzten Jahrzehnten haben wir unsere Verkehrssysteme stark auf den Automobilverkehr ausgerichtet. Andere Verkehrsmittel oder alternative Wege wurden vernachlässigt. Damit haben wir einseitig unsere Fähigkeiten eingegrenzt. Es geht in der aktuellen Diskussion also nicht um eine Sanktionierung des Autoverkehrs, sondern um ein Angleichen der Bedingungen der Verkehrsmittel untereinander und das Finden alternativer Wege.

Welche Infrastruktur braucht der ländliche Raum für E-Mobilität?

Der ländliche Raum ist prädestiniert für E-Mobilität. Die durchschnittliche Wegelänge im ländlichen Raum liegt bei 14 km. Im Durchschnitt ist jede Person am Tag 52 km unterwegs. Die Reichweitenangst ist hier meistens unbegründet. Und wir haben Flächen für die Produktion von alternativen Energien, z.B. durch Photovoltaik und Windenergie.

Welche Rolle kann die Wissenschaft bzw. die Hochschule beim Thema Mobilität spielen?

Ich sehe unsere Rolle als Vermittler. Wir können unterschiedliche Akteure zusammenbringen und kritische Begleiter sein. Beispielsweise beim autonomen Fahren, das wir technologisch begleiten, indem wir beispielsweise Sensoren entwickeln. Wir können aber auch gesellschaftlich relevanten Themen aufgreifen und fragen, wie sich beispielsweise das autonome Fahren auf das Mobilitätsverhalten auswirkt und unsere Städte verändert. Passen wir die Verkehrsinfrastruktur an die Bedürfnisse des Autos an, damit es autonom fahren kann oder stellen wir es in den Dienst des Menschen? Als Hochschule können wir Experimentierräume schaffen und gemeinsam mit Kommunen und Unternehmen Neues ausprobieren, um daraus zu lernen. Hier sehe ich meine Aufgabe darin, die Frage zu beantworten, wie wir die Verkehrsangebote organisatorisch und digital so miteinander vernetzen, dass nachhaltige, multimodale Alternativen entstehen.

Das Interview führte Dr. Margareta Bögelein

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