Wenn nicht jetzt, wann dann?

Dienstag. 15. Mai 2018 (Anke Hempfling)
Prof. Dr. Reinhold Leinfelder beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit den Trends der Zukunft.

Der Mensch zerstört die Erde, auf der er lebt. Damit muss Schluss sein, fordert Prof. Dr. Reinhold Leinfelder. Der Berliner Geologe, Anthropozän-Spezialist und ehemalige Direktor verschiedener Museen kommt Ende Mai nach Coburg.

Professor Leinfelder, Sie plädieren gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern für die Einführung einer neuen geologischen Epoche – das Anthropozän. Warum?

Wir leben seit fast 12.000 Jahren unter relativ stabilen Bedingungen im Holozän – dem Zeitalter nach der Eiszeit. Durch den extrem rasch zunehmenden Ressourcenverbrauch und weitere umfassende Eingriffe ins Erdsystem gerät diese Stabilität ins Ungleichgewicht. Der Begriff Anthropozän, also Menschenzeit, soll verdeutlichen, dass wir etwa seit dem Jahr 1800 in eine neue Epoche eingetreten sind. Sie wird vom Menschen und seiner Technik dominiert.

Die Veränderungen durch die menschliche Zivilisation halten Sie also für so tiefgreifend?

Absolut! Das kann man an vielen Punkten festmachen. Wir produzieren fast so viel Plastik, wie es der Biomasse aller auf der Erde lebenden Menschen entspricht – und das in nur einem Jahr! Ablagerungen in Stauseen, Müll-Deponien oder Schuttberge sind allein vom Menschen geschaffen. Drei Viertel des eisfreien Festlands sind nicht mehr in natürlichem Zustand. Dazu kommt die massiv gestiegene CO2-Konzentration in der Atmosphäre. Der Mensch verändert die Welt wie kaum eine andere Spezies. Und das in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit!

Sind Mensch und Natur im Anthropozän also Feinde?

Nein, für mich ist das kein Gegensatz. Wir sollten uns auch dringend von dieser überholten Denkweise verabschieden. Natur und Kultur sind ein Gesamtsystem geworden. Der Mensch ist ein untrennbarer Teil davon. Eine nachhaltige Weiterentwicklung ist nur in Form einer Symbiose von Mensch und Natur möglich.

Das Bild einer harmonischen Verbindung von uns und unserer Umwelt ist schön. Der Klimawandel zeigt aber etwas anderes…

Das ist ja die Herausforderung. Wir täten gut daran, das Gesamtsystem so zu gestalten, dass es eben nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Unsere Probleme lassen sich aber nicht abstellen, indem wir an nur einer Schraube drehen. Wir müssen mit dem Wissen, das wir mittlerweile haben, die Dinge insgesamt ins Positive wenden. Das bedeutet nicht, dass wir schon morgen zum Beispiel komplett aus der Kohle aussteigen müssen. Aber wir müssen die Veränderungen jetzt in die Wege leiten.

Was wären in Ihren Augen denn gute Lösungsansätze?

Gegenüber anderen Organismen haben wir einen großen Vorteil: Wir sehen, was wir machen, wir können es erforschen und uns Gegenstrategien überlegen. Nehmen wir das Thema Ernährung. Wir könnten weniger Fleisch essen oder gleich als Vegetarier leben. Und wie wäre es mit Verpackungen, die man ebenfalls essen kann? Vielleicht kommen unsere Mahlzeiten ja eines Tages auch aus dem 3D-Drucker. Klar, das ist im Moment noch schwer vorstellbar. Aber auch in diese Richtungen müssen wir denken.

Was halten Sie von der Idee, einfach auf einen anderen Planeten auszuwandern, sobald es auf der Erde nicht mehr weitergeht?

Das ist für mich nichts weiter als ein Hirngespinst, auch eine Ausrede jetzt nichts zu tun! Und zwar ganz nach dem falschen Motto: Es ist eh schon zu spät. Wir müssen auch begreifen, dass es nicht nur um uns geht. Viele andere Tiere und Pflanzen gehen mit uns unter, wenn wir so weitermachen. Wir brauchen ein Umdenken, weg vom ausbeuterischen Parasitismus, den wir derzeit noch an den Tag legen. Erst dann können wir die Zukunft unseres Planeten für künftige Generationen sinnvoll gestalten. Wenn wir es jetzt nicht schaffen, wann dann?

Zur Person

Reinhold Leinfelder ist gebürtiger Augsburger. Er studierte Geologie und Paläontologie und war bis 2010 Generaldirektor des Berliner Museums für Naturkunde. Seit 2012 lehrt er an der Freien Universität Berlin. Der 61-Jährige ist seit 2013 Mitglied der internationalen Anthropocene Working Group. Er war zudem Gründungsdirektor der Futurium gGmbH (ehemals Haus der Zukunft) sowie Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU).

Das Anthropozän

Während der Coburger Designtage findet am 30. und 31. Mai auf dem Güterbahnhof die Veranstaltung Das Anthropozän statt. Wissenschaftler der Hochschule Coburg beleuchten dabei, was der Mensch aus ihrer Sicht tun könnte, um die Erde zu verändern. Dabei sind u.a. Betriebswirte, Sozialwissenschaftler, Philosophen, Naturwissenschaftler oder Ingenieure. Außerdem stellen Studierende ihre Ideen zu den Themen „Coburg 2055“ und „Eine Stadt in 100 Jahren“ aus. Gäste sind herzlich willkommen. Der Eintritt ist frei.

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