Design, das sitzt

Dienstag. 03. April 2018 (Madelaine Ruska)
Anhand von Skizzen planen die Studierenden ihre Projekte.

Innenarchitekten müssen nicht nur Räume gestalten können, sondern auch ihre Kunden von ihren Entwürfen überzeugen. Im Studium lernen sie das in Projekten mit Partnern aus der Praxis.

Fast 2000 Möbelentwürfe hat Georg Gass in seinem Beruf schon präsentiert. Gass ist der Kopf der Produkt-Entwicklung beim Polstermöbelhersteller ARCO. Seit mehr als 25 Jahren basieren die meisten der Entwürfe auf seinen Ideen. „Unsere Kunden haben genaue Vorstellungen, wie unsere Produkte aussehen“, sagt Gass. „Sie erwarten ein klassisches Design.“ Querdenken ist im normalen Produktionsprozess nicht möglich.

Ein Semester lang haben deshalb Innenarchitektur-Studentinnen die Produkte von ARCO studiert. Sie sollten Ideen entwickeln, die das Sortiment von ARCO erweitern könnten und sich vor allem an ältere Menschen richten. Dozent Carl Baetjer hat sie dabei unterstützt. In regelmäßigen Treffen bespricht er den Fortschritt mit den Studentinnen, gibt ihnen Tipps, in welche Richtung sie ihre Idee entwickeln können. „Wir wollten bewusst mehrere Ansätze verfolgen, um ARCO zu zeigen, was alles möglich ist.“ Ab dem dritten Semester können die Studierenden solche Praxisprojekte wählen. Was sie bis dahin in einzelnen Kursen gelernt haben, z. B. Technisches Zeichnen, Räumliches Entwerfen oder Werkplanung, müssen sie dort zusammenbringen, erklärt Baetjer. Im vergangenen Jahr haben die angehenden Innenarchitekten z.B. Puppenhäuser entworfen, im Jahr davor ausrangierte Möbel der Coburger Dienste aufpoliert und in einer Ausstellung präsentiert.

Meistens machen sich die Studierenden erstmal ein genaues Bild von Ihrem Projektpartner. Sie besuchen das Unternehmen, lernen Produktlinien und Design kennen, recherchieren im Umfeld des Auftraggebers. Was sind zum Beispiel aktuelle Trends im Sitzmöbeldesign? Welche Wünsche haben die Kunden? Dann geht es ans Ideen sammeln und konzipieren. Vier Produkte haben die Studentinnen entwickelt. Wie bei einem Pitch in der freien Wirtschaft stellen sie die dem Auftraggeber vor. Mit maßstabgetreuen Modellen, die sie in Handarbeit selber gebaut haben.

Da gibt es zum Beispiel den Tisch Hex-Flex – höhenverstellbar, mit beheiztem Fußbrett, Glashalterung und integriertem Induktionsfeld zum Aufladen von Smartphones oder Tablets. Durch eine Erweiterung könnte er sogar zum Rollator umfunktioniert werden, sodass man sich damit in der Wohnung sicher von A nach B bewegen kann.

Oder: Das schwebende Sofa Hovergon. Es besteht aus sechseckigen Sitzteilen, die sich beliebig kombinieren lassen. Arm- und Rückenlehnen sind höhenverstellbar, sodass man sie je nach Bedarf hoch- und runterfahren kann. Mithilfe von Magneten und Supraleiter schwebt das Sofa über dem Boden. Wer die Teile neu positionieren will, kann sie per Tablet bequem mit dem Finger herumschieben.

Was im ersten Moment ziemlich abgefahren klingt, ist für ARCO-Vertriebsleiter Harald Bauersachs wichtige Inspiration. „Wir müssen uns Gedanken machen, wie unsere Produkte in Zukunft aussehen können. Die Bedürfnisse unserer Kunden haben sich verändert. Manches kann ich mir zwar noch nicht vorstellen. Wir wollten aber hier ganz bewusst neue Anregungen bekommen.“

Jedes Jahr gibt es einen Pool von Praxisthemen, die die Studierenden der Innenarchitektur bearbeiten können. Projekte mit externen Partnern motivieren besonders. Läuft es gut, werden die Entwürfe der Studierenden auch umgesetzt. Die Puppenhäuser zum Beispiel hat die Rödentaler Puppenmanufaktur zur Abstimmung bei ihren Kunden gestellt. Das Siegermodell soll jetzt gebaut werden. Und auch ARCO ist an einer weiteren Zusammenarbeit interessiert. „Ich hoffe, dass dieses Projekt erst der Anfang war“, sagt Georg Gass. Ein gemeinsames Projekt mit der Hochschule war seine Idee. Bei den Coburger Designtagen hatte er Beispiele anderer Arbeiten gesehen. Der Designer hat selbst vor 32 Jahren Innenarchitektur in Coburg studiert. Seitdem habe er nicht mehr viel mit der Hochschule zu tun gehabt. Das könnte sich jetzt wieder ändern.

 

Dieser Artikel erschien erstmals in der Ausgabe 01/2018 des Hochschulmagazins mit dem Schwerpunktthema "Praxis im Studium". Die Onlineversion des Magazins gibt es hier.

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