Ruhestand in Raten

Montag. 14. März 2016 (Madelaine Ruska)

Man muss seinen Abschied rechtzeitig vorbereiten. An dieses Credo hat Prof. Dr. Helmut Pauls sich immer gehalten. Nach über 30 Jahren an der Hochschule Coburg hat der 63-Jährige nun seine letzte Vorlesung gehalten.

In seinem Arbeitszimmer zu Hause in Weitramsdorf stapeln sich die Akten. Regale voller Ordner mit Masterarbeiten oder Fachbücher zur Klinischen Sozialarbeit stehen an den Wänden. Vor ein paar Jahren hat Pauls sein Auto schon einmal vollgeladen und haufenweise Papier entsorgt. Es hat sich Einiges angesammelt. Mehr als 30 Jahre war der promovierte Psychologe Teil der Hochschule Coburg. Er ist wohl der dienstälteste Professor, eigentlich ein Urgestein. Eine Tatsache, die man ihm nicht ansieht. Er war bei Amtsantritt der jüngste Professor an einer Fachhochschule in Bayern – und er ist jung geblieben. Verändert hat sich dafür in seinem Leben und natürlich auch an der Hochschule umso mehr. „Früher musste ein Telefonat nach Bamberg als Ferngespräch angemeldet werden. Als ich hier angefangen habe, hatte ich gleich Auslandskontakte und wollte sogar in andere Länder telefonieren. Da musste ich mich immer mit dem ehemaligen Kanzler anlegen.“

Coburg war ein Zufallstreffer. Hätte er an einem Wochenende 1983 nicht in die Wochenzeitung DIE ZEIT geschaut, nach Oberfranken hätte es Pauls wohl nicht verschlagen. Die Wurzeln des 63-Jährigen liegen im Ruhrgebiet: Geboren ist er in Dortmund, aufgewachsen in Bochum. „Ich bin ein alter BVB-Fan!“. Anfang der 80-iger Jahre lehrt und forscht Pauls als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychologische Behandlungsmethoden der Universität Bonn. Als der Lehrstuhlinhaber wechselt, ändert sich auch die Ausrichtung des Fachbereichs. „Das war eine sehr unerfreuliche Situation in der Abteilung“, erzählt Pauls. Ein Kollege bewirbt sich an der Fachhochschule in Bochum als Professor und wird sofort als Wunschkandidat ausgewählt. „Da hab ich mir gedacht: Ach, ich guck einfach mal, mach die ZEIT auf und sehe diese Professorenstelle in Coburg. Das war genau mein Profil! Beratung, Klientenzentrierte Gesprächsführung, etc. Zu meiner Frau habe ich damals nur gesagt: Aber wo ist Coburg?“

Vater der Klinischen Sozialarbeit

Erinnern kann Pauls sich noch gut an die erste Fahrt in die Vestestadt. Ziemlich weit sei ihm das vorgekommen. Der Weg führte vor allem über Landstraßen. „Mir war bewusst, dass das alles sehr fremd ist. Die Stadt mit ihrem historischen Kern hat mir dann aber gut gefallen. Wenn man aus dem Ruhrgebiet kommt, kennt man solche Städte ja gar nicht.“ Bei der Probevorlesung für die ausgeschriebene Professur für Psychologie, Sozialpädagogik und Sozialethik soll Pauls die Rolle der Therapie in der Sozialen Arbeit beleuchten. „Insofern kann man sagen, ich habe das aufgegriffen und über 30 Jahre lang bearbeitet.“ Pauls gilt heute als Vater der Klinischen Sozialarbeit. Er hat zahlreiche Publikationen veröffentlicht, ein internationales Expertennetzwerk aufgebaut, das Institut für Psycho-Soziale Gesundheit gegründet, genauso wie die Zentralstelle für Klinische Sozialarbeit - inklusive ZKS-Verlag. Vor fünfzehn Jahren startet unter seiner Leitung außerdem der berufsbegleitende Master „Klinische Sozialarbeit“, einer der beiden ersten Masterstudiengänge in Coburg.

„Klinisch das bedeutet nicht Sozialarbeit im Krankenhaus, sondern behandelnde Soziale Arbeit. Wir diagnostizieren, beraten, intervenieren sozialtherapeutisch.“ Es sei fällig gewesen, dass jemand dieses Gebiet formt, sagt Pauls. Arbeit, die nicht nur Freunde macht. „Es gab Widerstände im Fachbereich. Und es gab Gegner des Bachelor-Mastersystems. Ich wurde angegriffen – auch bundesweit. Da hieß es: ‚Pauls beleidigt alle Sozialpädagoginnen und -pädagogen, die seit Jahrzehnten hochqualifizierte Arbeit leisten.’ Weil ich gesagt habe, dass Masterstudiengänge wichtig sind, weil dort die Leute besser qualifiziert werden können. Nach einem Jahr war ich damals ziemlich bedient.“ Doch Unterstützung kommt aus Berlin. Gemeinsam mit der Alice-Salomon-Hochschule strickt Pauls eine Kooperation. Seitdem finden die Lehrveranstaltungen an beiden Standorten statt.

Die Ausbildung und die Absolventen der Studiengänge der Sozialen Arbeit sieht Pauls heute vor größeren Herausforderungen als je zuvor. „Im Moment ist es ja eine ganz irre Situation. Sie kriegen kaum noch Sozialarbeiter, weil Tausende für die Flüchtlinge gebraucht werden. Die gehen hier weg mit Bachelor, sind 23 und sollen gleich eine Einrichtung leiten, in der z.B. unbegleitete junge Flüchtlinge leben. Mit diesen Problemen und Situationen langfristig zu arbeiten, ist oft sehr belastend. Nur mit Mitmenschlichkeit und Engagement können sie solche Sachen nicht lange durchhalten. Ehrenamtliche Hilfe ist sehr zu begrüßen. Aber wie viele Jahre wird das denn so klappen, bis die Leute nicht mehr können?“

Mit dem Boot durch Deutschland

Für Helmut Pauls wird es zwar etwas ruhiger, was das Fachliche angeht. In Österreich und der Schweiz wird er seine Lehraufträge allerdings weiterführen. Auch ein Buch über Sozialtherapie will der 63-Jährige bis 2017 noch veröffentlichen. Ehefrau Dr. Mechthild Pauls praktiziert als Diplompsychologin und Psychologische Psychotherapeutin in Weitramsdorf. Auch sie wird sich zur Ruhe setzen. Mit dem Boot durch Deutschland schippern, das ist noch ein Traum, den sich Helmut Pauls gemeinsam mit seiner Frau erfüllen möchte. Die beiden Kinder der Pauls leben in Berlin. „Das heißt, wir sind auch relativ häufig dort. Ich habe vier Enkelkinder. Das macht mir viel Freude.“

Den Abschied von der Hochschule hat der Psychologe schon in den vergangenen Jahren schrittweise vorbereitet. Im konsekutiven Master Soziale Arbeit vertritt Prof. Dr. Christine Kröger den Vertiefungsbereich Klinische Sozialarbeit. Die Leitung des Masterstudiengangs Klinische Sozialarbeit hat vor sechs Jahren Kollege Prof. Dr. Michael Vogt übernommen - mit Beginn des Sommersemesters übergibt dieser nun ebenfalls an Christine Kröger. Helmut Pauls: „Ich hab das in meinem Leben mehrfach gemacht, mich rechtzeitig rauszunehmen und für Nachfolger zu sorgen. Dann muss man sich auch raushalten und nicht als alter Besserwisser daherkommen. Der Sozialen Arbeit wünsche ich für die Zukunft alles Gute. Ich habe mein Scherflein beigetragen.“

Lebenslauf

Helmut Pauls wird 1952 in Dortmund geboren. Nach dem Abitur in Bochum studiert er zunächst ein Semester Philosophie, Germanistik und Publizistik an der Ruhr-Universität Bochum. Danach wechselt er an die Universität Bonn und schließt 1976 mit dem Diplom in Psychologie ab. Im selben Jahr eröffnet er eine psychotherapeutische Praxis in Siegburg, bildet sich auch in Verhaltenstherapie und weiteren Psychotherapieverfahren weiter. 1980 promoviert Pauls an der Uni Bonn, wo er von 1979 bis 1983 als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig ist. 1983 gründet er ein Ausbildungsinstitut in Siegburg. Im Oktober 1984 tritt Helmut Pauls die Professur für Psychologie, Sozialpädagogik und Sozialethik an der Hochschule Coburg an. Hier lehrt er neben der Sozialen Arbeit in den Studiengängen Integriertes Produktdesign und Maschinenbau. Pauls übernimmt zahlreiche Aufgaben neben der Lehre. Er ist jahrelang Mitglied im Fakultätsrat der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, Mitglied der Prüfungskommission und Vorsitzender des Prüfungsausschuss. Zwei Jahre leitet er außerdem den damaligen Fachbereich Sozialwesen als Dekan. Das von ihm 1994 gegründete „IPSG-Institut für Psycho-Soziale Gesundheit“ ist das erste An-Institut der Hochschule Coburg. Mehr als 30 Beschäftigte – auch viele Absolventinnen und Absolventen aus Coburg - arbeiten dort heute. Helmut Pauls ist noch beratend tätig. 2014 verlieh die Hochschule Coburg ihm die Ehrenmedaille.

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